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Begrüssungsansprache

durch den Präsidenten des ALPENFORUMS

anlässlich des Vortrages von

Herrn Univ.-Prof. Dr. Dr. h.c. Victor Herbert Pöttler

zum Thema

"Holz als Werkstoff für die Volksarchitektur"

am 25. September 1997 in Murau

 

 

Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Freunde des ALPENFORUMS,

als ich seinerzeit Herrn Univ.- Professor Dr. Dr. h. c. Victor Herbert Pöttler einlud, bei uns im ALPENFORUM einen Vortrag zu halten, dann geschah dies nicht nur, weil er ein hochangesehener, weit über die Landesgrenzen hinaus bekannter Volkskundler ist. Er verkörpert darüber hinaus in besonders glücklicher Weise mit seinem heutigen Thema die vom ALPENFORUM vertretene Leitvorstellung einer nachhaltigen Entwicklung und deren praktische Umsetzung im Alpenraum.

Der nachwachsende Werkstoff Holz erfüllt eindrucksvoll eine solche Zielvorstellung und damit die Notwendigkeit einer sinnvollen Nutzung begrenzter Ressourcen.

Das multifunktionale, technische und ästhetische Qualitätsprofil dieses Werkstoffs, verbunden mit seiner leichten Verarbeitbarkeit, hat dem Holz seit Generationen eine geradezu phänomenale Bandbreite handwerklicher, künstlerischer, bautechnischer und architektonischer Anwendungen erschlossen. Der schier unerschöpfliche Reichtum von Holzerzeugnissen im Alpenraum legt hierfür ein beredtes Zeugnis ab.

In den letzten Jahrzehnten schien diese Erkenntnis etwas in Vergessenheit zu geraten. Holz verlor teilweise an Wertschätzung zu Gunsten vermeintlich modernerer Werkstoffe, wie etwa bestimmte Metalle, Beton , Kunststoffe oder Verbundmaterialien.

Ich werte es deshalb als ein bemerkenswertes Verdienst der Stadt Murau und seines Bürgermeisters und ebenso seiner Mitstreiter aus dem In- und Ausland, dass sie sich mit Erfolg bemühen, den Menschen die traditionelle Bedeutung von Holz und neue, innovative Anwendungsmöglichkeiten dieses Naturstoffs wieder nahe zu bringen.

Zimmerleute, Tischler, Drechsler, Kunsthandwerker, aber auch Bauingenieure, Architekten , Maler und Bildhauer werden sich wieder stärker bewusst, dass Holz mehr ist als ein rein technischer Werkstoff.

Ich möchte aber auf noch einen weiteren Aspekt des Holzes zu sprechen kommen. Das ALPENFORUM versteht Nachhaltigkeit nicht nur im ökonomischen und ökologischen Sinne, sondern auch als eine soziokulturelle Notwendigkeit.

Holz ist ein ökologisch sinnvoller Werkstoff. Ebenso ist Holz ein Material, das unbestreitbare technische und ökonomische Vorteile aufweist.

Holz ist aber darüber hinaus ein Naturstoff, der die soziokulturellen Traditionen und Bindungen im Alpenraum über Jahrhunderte stabilisiert und gefördert hat, beginnend mit der Forstwirtschaft, und endend mit dem Bau und der Einrichtung der bäuerlichen Anwesen, sowie der Herstellung zahlreicher Gerätschaften.

Mit einem Wort, Holz hat, von der ursprünglichen Hirtenkunst über das bäuerliche Kunsthandwerk bis zur Innovation der Moderne beispielhaft zur Stabilisierung und Erneuerung einer abendländischen Kulturentwicklung beigetragen.

Wenn man selbst ein altes, verfallenes Bauernhaus in den Bergen mit unendlicher Mühe im alten Stil, und das heisst in grossem Umfang mit dem Werkstoff Holz, umgebaut und saniert hat, dann bekommt man dafür einen Blick. Dann fällt auf, wieviele einst wunderschöne bäuerliche Anwesen nicht mehr bewohnt dem scheinbar unaufhaltsamen Verfall preisgegeben werden.

Damit gehen unschätzbare Werte der Volksarchitektur verloren, und das ist sehr, sehr schade. Vielleicht würde es sich wirklich lohnen, einmal darüber nachzudenken, ob im Interesse eines Erhalts dieser Substanz nicht neue, unkonventionelle Lösungen denkbar wären.

Lassen Sie mich abschliessend noch etwas ins Gedächtnis zurückrufen: Neun verschiedene Holzsorten wurden in früheren Zeiten beispielsweise in der Steiermark zum Bau eines besonderen Zauberstuhls gebraucht, durch den man Hexen erkennen konnte. Wer möchte leugnen, dass man dem Holz als scheinbar totem Arbeitsmaterial eine verborgene Beseeltheit nicht absprechen kann?